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Träumt unseren Traum
Erinnerung an Dom Hélder Câmara

»Niemand hat begriffen, warum ich so drängte, mit eigener Hand das 
ermüdete Pferd von seinem Sattel, seinem Zaumzeug und vor allem von 
seinen Scheuklappen zu befreien. Aber ich weiß, dass ich dabei für mehr 
als die Hälfte - viel, viel mehr - der armen, geliebten Menschheit betete.«

Lyrisches Zeugnis eines Mannes, dessen brennende Liebe zeitlebens den Armen galt – Dom Hélder Câmara. Er wurde zur Symbolfigur Brasiliens; als „Stimme der stummen Welt“ trug er seine Botschaft weit über die Landesgrenzen hinaus. Besonders in Europa fesselte der kleine, eher unscheinbare Mann die Menschen mit seinem leidenschaftlichen Einsatz. „Mein Sozialismus heißt Gerechtigkeit“, lautet einer der Aussprüche Câmaras, der wegen seiner Glaubwürdigkeit vielen zum Vorbild wurde. Dabei war er noch nach seiner Priesterweihe kurzzeitig Mitglied einer faschistischen Partei gewesen – aus Skepsis gegenüber der Demo- kratie. Er leugnete diese „Zeit der Verirrung“ nie, wenn sie ihm von seinen Gegnern hämisch vorgehalten wurde. Er hatte diesen Irrtum allerdings bald erkannt und wurde immer stärker zu einem Verfechter der Menschenrechte und zum Fürsprecher der Armen . Doch obwohl sein Tod erst zwei Jahre zurück liegt, erinnert sich heute kaum noch jemand an ihn -- den Bischof der Unterdrückten. Dabei sorgte sein Name bis in die Achtziger Jahre hinein auch in deutschsprachigen Medien für dauerhafte Schlagzeilen.

Martina Franck: »Ich habe ihn kennen gelernt über einen Freund von mir, der ist Projektleiter von einem Altenhilfeprojekt in Recife, und wir sind... wir haben uns angemeldet bei seiner Sekretärin, Cecita, und sind ihn einfach mal besuchen gegangen, weil wir eine soziale Arbeit aufgebaut haben in Recife und weil wir uns erhofft haben, von ihm einen Rat zu bekommen oder vielleicht eine Unter- stützung oder uns einfach mit ihm auch zu solidarisieren...«

Für Martina Franck ist es ein besonderes Geschenk, dass sie Dom Hélder Câmara noch in seinen letzten Lebensjahren kennen lernen durfte. Zu den wenigen Menschen, die das Glück hatten, ihn über viele Jahrzehnte hinweg zu begleiten, gehören die Journalistin Gladys Weigner und der Photograph Bernhard Moosbrugger. Beide können auf ein langes, erfülltes Leben zurück blicken. In ihrem Zürcher Haus erinnert vieles an die Zeit mit dem berühmt gewordenen Bischof. Da sind die ehemaligen Geschäftsräume des Pendo-Verlages, den sie gemeinsam mit Câmara gründeten und den sie nun an Ernst Piper abgegeben haben. Viele Bücher und Fotografien zeugen von der fruchtbaren Zusammenarbeit. 1956 wurden die beiden für eine amerikanische Zeitschrift nach Rio de Janeiro geschickt.

Weigner: »Und dort kannten wir... waren wir befreundet mit dem Vertreter von „Time“ und „Life“ und der hat uns dann einmal bei einem Abendessen gesagt, wenn wir eine wertvolle Reportage machen wollen, die aber Time-Life noch nicht bringen wird, weil... er ist nicht berühmt, er ist nicht bekannt, würde er uns sehr empfehlen, einen Weihbischof, kennen zu lernen, den Hélder Câmara, denn der wird einmal weltberühmt werden, das weiß er ganz genau. In Jahren wird er weltberühmt werden und er würde uns das dringend empfehlen, dass wir ihn kennen lernen. 

Erzählerin: Es war der Beginn einer tiefen Freundschaft. Damals ahnten nur wenige, dass Câmara eines Tages zum Inbegriff kirchlicher und sozialer Erneuerung werden würde. Dabei hatte sich schon in seinen ersten Priesterjahren gezeigt, dass er seine mitunter außergewöhnlichen Ideen beharrlich durchzusetzen versuchte. Einer seiner lang gehegten Wünsche war es, alle brasilianischen Bischöfe in einer Organisation zusammen zu schließen. Für diesen Traum konnte er auch Monsignore Montini begeistern, den späteren Papst Paul VI. So entstand die Nationale Bischofskonferenz Brasiliens. Bis 1964 blieb Câmara ihr Generalsekretär. Diese Institution sollte sich den vielfältigen, sozialen Problemen des Landes widmen. Wie groß diese waren, wusste Câmara nur zu gut aus eigener Erfahrung. 1909 war er im unterentwickelten Nordosten Brasiliens zur Welt gekommen, als elftes von dreizehn Kindern.«

»Nicht zufällig bin ich in Ceará geboren: Wer in diesem leidergebenen Stück Brasiliens geboren ist, wird niemals, wohin auch immer er gehen mag, vergessen, wo seine Wiege stand...!«

Weigner: »Also, sein Vater war überhaupt nicht religiös. Sein Name Hélder ent- stand dadurch, dass der Vater ein Lexikon aufschlug und einfach blind mit dem Bleistift hinein piekte und auf den Namen Hélder kam, das heißt ‚das Licht’ oder ‚hell’.

Erzählerin: Als der Sohn den Wunsch äußert, Priester zu werden, ermöglicht ihm der Vater die nötige Ausbildung. Aber er warnt ihn. Zeitlebens behält Hélder Câmara die Worte im Ohr: „Mein Sohn, weißt Du, was es heißt, ein Priester zu sein? Priester und Eigensucht finden nie zusammen. Ein Priester muss sich ausgeben, auszehren lassen." – Und Câmara verausgabte sich, oftmals bis zur Erschöpfung.

Moosbrugger: »Jede Nacht hat er eine Stunde oder noch länger meditiert. 
Und das hat er nie ausgelassen. «

Im Verlauf dieser „Nachtwachen“ entstanden viele seiner Gedichte und Gebete, die später zum großen Teil vom Pendo-Verlag veröffentlicht wurden.

»Nein, bleibe nicht stehn!
Es ist eine göttliche Gnade, gut zu beginnen. 
Es ist eine größere Gnade, auf dem guten Weg zu bleiben. 
Aber die Gnade der Gnaden ist es, sich nicht zu beugen 
und, ob auch zerbrochen und erschöpft, vorwärts zu gehen bis zum Ziel.«

Dom Hélder wurde zum „Bischof der Favelas“. In diesen Elendsvierteln lebten damals mehr als 450 000 Menschen und täglich wurden es mehr – Menschen, die aus dem Landesinnern in die Stadt zogen, getrieben von der Hoffnung auf Arbeit. In den Favelas gab es kein Wasser, keine sanitären Anlagen. Die Hütten boten den Menschen kaum mehr als ein Dach über dem Kopf. Als Gladys Weigner und Bernhard Moosbrugger in Rio eintrafen, hatten sie schon bald Gelegenheit, den jungen Bischof in diese Slums zu begleiten. Sie waren erschüt- tert. Frauen, Kinder und auch Männer hingen an seiner abgeschabten Soutane. Dom Hélder war der Mann, auf den sie ihre ganze Hoffnung setzten. 

Moosbrugger: »Wir haben die Begeisterung des Volks schon gespürt und auch erlebt während der Messe, die er dort gehalten hat in den Favelas, da haben Hunde und kleine Kinder durcheinander geschrieen und gejault...und er hat das alles mit einbezogen in die Messe...«

Câmara beließ es allerdings nicht bei frommen Worten. 

Weigner: »Er hatte damals große, moderne silomäßige Wohnblöcke erstellen lassen... was ich mich so vage erinnere... für die armen Leute, für die Slumbewohner und hat geglaubt, ja, man müsste sie einfach in diese modernen Wohnungen pflanzen mit Badezimmer und Dusche und Toilette und dann würde alles gut werden. Und dann hat er erst im Laufe der Zeit realisiert, nein, so geht das überhaupt nicht, denn das sind sie gar nicht gewöhnt, und man kann nicht einfach Leute so von einem Ort an den anderen verpflanzen. Also das war auch eine Entwicklung für ihn.«

1962 eröffnete Papst Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil. Hélder Câmara gehörte zu denen, die es belebten und entscheidend mit geprägt haben. Und das, obwohl er sich im Verlauf jener drei Jahre nicht ein einziges Mal öffentlich zu Wort meldete. Câmara wirkte im Hintergrund. Bei den inoffiziellen Treffen, die außerhalb der Basilika statt fanden, hielt er Vorträge und beeinflusste so auch andere Bischöfe mit seinen Reformbestrebungen. Ein großes Anliegen war ihm die Ökumene. Er wünschte sich, dass zum Abschluss des Konzils die Vertreter aller großen Religionen auf dem Petersplatz für den Frieden beten sollten. Doch die Zeit war noch nicht reif. Erst 1986, in Assisi, sollte sich sein Traum ein Stück weit verwirkli- chen. Um die Einheit mit nichtkatholischen Brüdern zu fördern, plädierte Câmara dafür, die persönlichen Titel, wie Eminenz, Hochwürden oder Exzellenz, abzuschaffen. Ihn selbst nannten die Menschen „Dom“. Diese Abkürzung von Dominus, der Herr, ist in Brasilien den Bischöfen vorbehalten. Hélder Câmara mochte das Wort nicht. Er hielt es für überholt und barock. Er unterschrieb meist mit Padre Hélder oder einfach Hélder. Auf dem Konzil war er auch die treibende Kraft jener Initiative, die sich „Kirche der Armen“ nannte. Nicht selten reagierten die Mitbrüder auf Câmaras Ideen mit Kopfschütteln. So schlug er einmal vor, zu einer der Konzilsversammlungen die Armen von Rom einzuladen und ihnen die Ehrenplätze zu geben. Unerbittlich stellte Dom Hélder die Gewissensfrage: Ob es denn überhaupt noch vertretbar sei, dass die Kirche große Güter und Ländereien besitze. Und er sparte auch nicht mit Kritik an den Kirchenführern:

Zitator: Wir, die Exzellenzen, haben exzellente Reformen nötig. Machen wir Schluss mit dem Fürstbischof, der isoliert von seinem Klerus in einem Palast wohnt...Wozu dienen Schuhe mit silbernen Schnallen? Wozu ein Bischofskreuz und ein Ring aus kostbarem Material?...Wir könnten unsere goldenen und silbernen Bischofskreuze dem Papst zu Füßen legen und dafür Kreuze aus Bronze oder Holz in Empfang nehmen, als Zei- chen für den Entschluss, einen einfachen Lebensstil nach dem Evangelium anzunehmen. Dadurch könnten wir, die Bischöfe aus aller Welt, dem Stellvertreter Christi helfen, sich seiner- seits von vielem zu befreien. Denn – man muss den Mut haben, das einzugestehen – die Pracht des Vatikans ist ein Stein des Anstoßes. Die Vorsehung hat uns vom Kirchenstaat befreit. Wann wird die Stunde schlagen, in der sich die Kirche Christi wieder zu ‚Frau Armut’ gesellt?

Weigner: »Er wirkte sehr geistreich, sehr lebendig, sehr dynamisch, voller Ideen und mit einer ungeheuren Kraft in seinem kleinen Körper. Die Kraft äußerte sich in einem kleinen Detail: Wir waren einmal mit dem Mario von Galli zum Abend- essen mit ihm, und Mario von Galli wollte, dass ich neben ihm sitze als einzige Frau und ich hab gesagt: „Nein, nein...“ – also er solle nur neben dem Hélder Câmara sitzen, das sei doch, ja, so lernte er ihn auch besser kennen. In meinem Herz wusste ich genau, warum. Denn am andern Morgen sagte mir der Mario von Galli: „Du, ich bin ganz blau auf meiner Schulter. Der hat ununterbrochen mit seinen zwei Fingern...hat der auf meine Schulter gehauen.“ Und das hab ich eben gewusst, und da bin ich dem ausgewichen. Also, das ist nur ein Zeichen seines Temperamentes und seiner Kraft, die er hatte. 

Erzählerin: Câmara kritisierte nicht nur die ungerechten Strukturen Lateinamerikas, sondern die der ganzen Welt. Er sah, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer wur- den. Er dachte über Modelle nach, durch die den Ländern der so genannten Dritten Welt geholfen werden könnte.«

»Ich träume von einer lateinamerikanischen Integration – in Front gegen das kapitalistische Imperium, mit den USA an seiner Spitze, in Front gegen das soziali- stische Imperium, mit Sowjetrussland an seiner Spitze, in Front gegen den europäi- schen Gemeinsamen Markt. Der Kontinent muss sich einen, sich integrieren. Aber nicht auf die Art, in der sich bis jetzt die lateinamerikanische Integration anbahnt. Ich träume von einer Integration, die weder äußere Imperialismen noch innere Imperialismen akzeptiert.«

So manche päpstliche Botschaft, die im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils verkündet wurde, beruht auf den Denkanstößen, die von der Gruppe „Kirche der Armen“ ausgingen. Auch die Enzyklika „Populorum progressio“ bekräftigte diesen neuen Weg der Kirche, sich den Armen und Unterdrückten in besonderem Maße zuzuwenden. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Enzyklika besuchte Câmara auch Deutschland. Vor katholischen und evangelischen Christen sagte er im Dom zu Altenberg:

».....Wenn ein Laie, eine Ordensfrau, ein Priester oder gar ein Bischof Almosen aus- teilt, Kleidung an Arme gibt, Arzneimittel verteilt oder gar hilft, Häuser zu bauen, dann ist das ein Heiliger......
Wenn aber diese Person hingeht, dieselbe Arbeit weiter tut, aber darauf hinweist, dass diese Situation, in der die Menschen leben, Gründe hat, dass hier die Frage der Gerechtigkeit im Spiel ist und dies dann ausdrückt mit allem Nachdruck, aber ohne Hass im Sinne des Evangeliums und mit Gewaltfreiheit – dann wird diese Person als „rot“ qualifiziert und als Kommunist bezeichnet. Aber wir sind nichts von diesen. Wir tun nichts anderes als das Evangelium in einer ganz greifbaren Weise zu leben.«

Noch während des Konzils wurde Dom Hélder zum Erzbischof von Olinda und Recife ernannt. Dies kam weniger einer Beförderung denn einer Art Strafversetzung gleich. Unüber- brückbare Meinungsverschiedenheiten mit seinem Vorgesetzten hatten dazu geführt. Câmaras Berufung fiel mit der Machtergreifung des Militärs zusammen. 1964 fuhren in Brasilien die Panzer auf. Viele Bischöfe, nicht jedoch Câmara, befürworteten diese „Revolu- tion“, die das Land angeblich vor dem Kommunismus retten sollte. Dom Hélder wurde nun endgültig zum führenden Vertreter des progressiven Flügels der Kirche. Das brasilianische Episkopat sah in ihm einen Risikofaktor. Sogar die deutschen Bischöfe drohten damit, kein Geld mehr an die brasilianischen Brüder zu überweisen. Das hatte zur Folge, dass Câmara als Generalsekretär der Bischofskonferenz abgelöst wurde – kein Ruhmesblatt für den deutschen Klerus, der wissen musste, dass er damit die demokratischen Bemühungen in Brasilien schwächte. Auch dem Vatikan wurde Dom Hélder allmählich unbequem. Zwar konnte er sich der Rückendeckung Papst Pauls VI. weiterhin gewiss sein; die konservativen Kräfte waren jedoch nicht zu unterschätzen. -- Câmara ging nach Recife – und machte mit seiner Antrittsrede unmissverständlich klar, dass er sich nicht den Mund verbieten lassen würde:

»Wer bin ich? Einer aus dem Nordosten, der zu andern aus dem Nordosten spricht, die Augen auf Brasilien, Lateinamerika und die Welt gerichtet... Ein Christ, der sich an Christen wendet, dessen Herz aber weit offen ist für die Menschen aller Glau- bensbekenntnisse und aller Weltanschauungen. Als Bischof in der Nachfolge Jesu Christi komme ich nicht, um bedient zu werden, sondern um zu dienen. Der Bischof ist für alle da. Niemand stoße sich daran, wenn er sieht, wie mich Leute besuchen, die als Unwürdige und Sünder angesehen werden... Niemand erschrecke, wenn er mich mit Leuten zusammen sieht, die als kompromittierend oder gefährlich gelten, mit Leuten der Macht oder der Opposition...Niemand versuche, mich in eine Gruppe einzuspannen oder mich an eine Partei zu bin- den, damit ich seine Freunde als meine ansehe und seine Feindschaften teile. Meine Tür und mein Herz werden allen offen stehen, allen ohne Ausnahme. Doch nach dem Beispiel Christi muss ich eine besondere Liebe für die Armen haben. Das Elend ist empörend, entwürdigend... Ich würde Sie betrügen, wenn ich sagen würde, dass ein wenig Großzügigkeit und soziale Unterstützung ausreichten, das Elend zu besiegen. In Situationen himmelschreiender Not muss man selbstver- ständlich auch unmittelbare Hilfe leisten. Aber um zu den Wurzeln des Übels vorzustoßen, muss man den Teufelskreis von Unterentwicklung und Elend durchbrechen... «

Martina Franck: »Für mich war sein liebevolles Wesen eigentlich das, was mich angezogen hat. Also er war ein wahnsinnig gastfreundlicher Mensch. Wir waren ja nun wirklich keine besonderen Gäste von ihm, sondern einfach junge Leute, die ihn kennenlernen wollten, und er hat uns jedesmal das Gefühl gegeben, als wä- ren wir jetzt die wichtigsten Leute in der ganzen Woche, und er hat uns jedes Mal bis zur Tür gebracht, und er hat dann vor der Tür gewartet, bis wir mit dem Auto weg gefahren sind, und dann hat er noch gewunken. Und das ist eigentlich keine üblich Gebärde für’n Bischof oder für’n alten Mann, und er hat einfach die Fähig- keit besessen, Menschen, die ihm gegenüber sind, das Gefühl zu geben, dass sie im Moment die wichtigste Person sind. Und das ist für mich zutiefst auch Ausdruck des christlichen Glaubens. Das ist das, was letztlich auch Jesus gemacht hat: jedem Menschen das Gefühl gegeben, ganz wertvoll zu sein.«

Bis 1985 blieb das Militär in Brasilien an der Macht. Câmara wurde nicht müde, die Folter- methoden anzuprangern, die in den Gefängnissen des Regimes an der Tagesordnung waren. Die Herrschenden revanchierten sich auf ihre Weise:

Weigner: »Er hatte schreckliche Erfahrungen in dieser Hinsicht. Also, da hatte er ganz schlimme Erfahrungen, indem die Leute – ich rede jetzt von den Generälen und von den weltlichen Machthabern – ihn nie direkt angriffen. Das machten sie nicht, aber sie griffen seine besten Freunde an, zum Beispiel, er hatte einen jünge- ren, sehr sympathischen, sehr intelligenten Studenten, einen Seelsorger. Und der wurde einfach eines Tages auf dem Friedhof gefoltert und tot aufgefunden, in schwerster Form gefoltert. Und solche Sachen waren für Helder Camara ganz schrecklich, die hat er fast nicht überwunden. Er sagte uns damals, er hätte näch- telang... sei er dann wach gewesen und hat sich überhaupt seine Aufgabe noch überlegt und hat gedacht: Wenn ich meine Freunde in eine solche Gefahr bringe, dann weiß ich gar nicht, ob ich überhaupt noch so eine Aufgabe noch erfüllen kann. Und er hat dann erzählt, wie er dann schließlich das Evangelium aufschlug und irgendwo eine Stelle fand, zufällig beim Aufschlagen, und die Stelle machte ihm wieder Mut, weiter zu machen.«

1970 informierte Câmara das Ausland über die Vorgänge in Brasilien. Vor 15.000 Zuhörern sprach er in Paris nicht nur über die Folter im allgemeinen. Er nannte konkrete Fälle: Luis Madeiros, einem Studenten aus Recife, hatte man im Gefängnis die Glieder zerschlagen, die Fingernägel heraus gerissen und seine Genitalien zerquetscht. Oder der junge Dominikaner Tito de Alencar, den man mit Stromstößen in den Mund beinahe zum Wahnsinn trieb. Die Öffentlichkeit war schockiert. Câmara hatte geahnt, dass seine Rede nicht ohne Folgen blei- ben würde. Kaum war er nach Brasilien zurück gekehrt, wurde er mundtot gemacht. Über zehn Jahre durfte sein Name nicht mehr in den Medien erwähnt werden. Die Mauern seiner Wohnung waren übersät mit Einschüssen. Eine unbekannte Hand hatte mit Blut die Worte darauf geschrieben: „Tod dem roten Erzbischof!“ Dom Hélder ließ sich nicht einschüchtern. Sein Kampf für mehr Gerechtigkeit ging weiter. Und er lebte, was er predigte. Aus dem bischöflichen Prunkpalast war er bald ausgezogen – in einen kleinen Anbau an die Sakristei. Er aß sehr wenig. Den Appetit hatte er an jenem Tag verloren, als er am Fenster seines Esszimmers eine Menge hungriger Gesichter herein schauen sah. Eine seiner ersten Amtshandlungen in Recife war es gewesen, die Ländereien, die zu seiner Erzdiözese gehörten, an besitzlose, vertriebene Bauern zu verteilen. 

Weigner: »Ein großes Problem war, dass die Großgrundbesitzer einfach ihr Land nicht freigeben wollten, obwohl es nicht benutzt wurde. Es wurde benutzt für Vieh, damit das Vieh dort weiden konnte, und das Vieh wurde ja dann zu uns expor- tiert. Aber es kamen eines Tages Bauern zu ihm und sagten: „Wir sind jetzt in großer Not, denn wir konnten ein großes Feld... konnten wir Getreide anpflanzen und wir dürfen es jetzt nicht ernten. Rings um dieses riesige Feld stehen Soldaten und lassen uns nicht durch im Auftrag von irgend so einem Großgrundbesitzer. Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Sie haben gesagt, jeder, der auf dieses Feld geht, wird erschossen.“ Und da sagte der Helder Camara: „Ja, da bleibt nichts anderes übrig. Ich werde meine Leute zusammen trommeln, alle meine Freunde, und wir gehen dorthin.“ Und da sind die hin gegangen, und die Bauern hinter ihnen her. Und dann hat er eine riesige Kette gemacht... also, es war eine Menschenkette, Arm in Arm, und die gingen durch die Soldaten durch, und er sagte: „Schießen Sie, wenn Sie wollen. Jetzt kommen nämlich die Bauern und werden ernten dort.“ Und die sind dann so lange geblieben, bis die Bauern das alles abgeerntet hatten. Natürlich hat niemand geschossen, klar. «

Ein Rebell wollte Câmara nie sein. Er glaubte an die „Gewalt der Friedfertigen“, an den Druck der öffentlichen Meinung, an die Möglichkeit, auch auf internationale Organisationen einwirken zu können. Mehrfach wurde er deshalb für den Friedensnobelpreis vorgeschla- gen. Als er ihn 1973 wieder nicht bekam, entstand quer durch Kirchen, Gewerkschaften, Par- teien und Jugendverbände in Europa, die Initiative „Volksfriedenspreis“. Die Auszeichnung war nur eine von vielen, mit denen der Pionier der Befreiungstheologie geehrt wurde. Geachtet wurde er auch von Papst Johannes Paul II. Er nannte ihn „Bruder der Armen und meinen Bruder“, verweigerte ihm aber den Kardinalshut. Hätte Dom Hélder sich mit dem Religiösen begnügt – er wäre einer der beliebtesten und besten Bischöfe der Kirche gewe- sen. Dass er sich aber darüber hinaus noch mit sozialen, wirtschaftlichen und politschen Fragen beschäftigte, ging vielen zu weit – auch Johannes Paul. Sobald Câmara die vorge- schriebene Altersgrenze erreicht hatte, setzte er einen konservativen Nachfolger an dessen Stelle.

Weigner: »Was wir also von nahen Freunden hörten, muss er in der letzten Zeit doch frustriert gewesen sein, denn alles, was er eingefädelt hatte und als neue Bewegung auf die Laufbahn brachte, das wurde eigentlich noch zu seiner Lebzeit entfädelt, zerstört. Er hatte das Gefühl... er hatte persönlich das Gefühl, das er keine Spuren hinterlassen hat und das war, glaube ich, für ihn ein bitteres Ende.«

Dom José brachte die gesamte Diözese gegen sich auf, weil er die vielen Initiativen abschaffte, die Câmara ins Leben gerufen hatte. Die meisten führenden Mitarbeiter Dom Hélders wurden entlassen, wenn sie denn nicht freiwillig gingen. So wurde es in den letzten Lebensjahren still um den leidenschaftlichen „Vertreter der Armen“. Die Augen im zerfurch- ten Gesicht waren müde geworden. Nur manchmal kehrte etwas vom ursprünglichen Feuer in seinen Blick zurück. Zum Beispiel dann, wenn gesungen wurde. Das Lied ist wichtig für einen Brasilianer des Nordostens. Im Lied drückt er so seine Sehnsucht nach Befreiung und Gerechtigkeit aus.

Martina Franck: »Wir haben viel miteinander gesungen, d.h. meistens haben wir gesungen und er hat geklatscht oder hat einfach so die Hände hoch gehalten und „Che maraviglia, che maraviglia“ gesagt...wie wunderbar, wie herrlich...und er hat einfach immer wieder gesagt: „Spiel doch noch was, sing doch noch was“. Und das erste Lied, was wir gesungen haben für ihn, das war das Lied, wo er selber den Text zu geschrieben hat, und wir haben das dann miteinander gesungen, und er hat geweint dabei, und er hat sich sehr gefreut und er wollte, dass wir das immer wieder singen: 

Wenn einer alleine träumt 
ist es nur ein Traum
Wenn viele gemeinsam träumen
so ist das der Beginn, 
der Beginn einer neuen Wirklichkeit
Träumt unseren Traum.«

Originalmanuskript eines Beitrags von Elke Endraß in der Reihe "Katholische Welt", Bayern-2-Radio, gesendet am 7.10.2001

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(Lezte Änderung: Samstag, 21. November 2002)
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